
“Songs can go a million different ways”. Mit diesem Statement kündigt Sonic Youth Sideman Lee Ranaldo nicht nur sein neues Soloprojekt an, sondern fungiert gleichzeitig als Trostspender für die Sonic Youth Community, deren Lebensmut für kurze Zeit ins Wanken geraten ist: Nach 27 Ehejahren kündigten die beiden Bandbegründer Thurston Moore und Kim Gordon im vergangenen Jahr ihre Trennung an. Eine schwerverdauliche Hiobs-Botschaft in der Fangemeinde. Den endgültigen Schlag ins Gesicht gabs dann wenige Wochen später mit der Ankündigung einer Bandpause auf unbegrenzte Zeit. Ein finaler Split vielleicht unausweichlich…
Aber auf Regen folgt auch wieder Sonnenschein: Mit Soloalbum Nr. 9 auf dem Vormarsch gibt der 56 Jahre junge Gitarrengott Lee Ranaldo den Trauernden ein akustisches Taschentuch zum Tränentrocknen.
Die Lobpreisungen überschlagen sich: Unter Kritikern wird er schon als George Harrison von Sonic Youth bezeichnet, 2004 setzte Rolling Stone ihn mit Bandkollegen Thurston Moore auf Platz 33 und 34 der „Greatest Guitarists of All Time“, neben 8 Solooutputs hat er bereits unzählige Collaborations mit anderen namhaften Musikern wie The Cribs, Wilcos Nels Cline und Sonic Youth Drummer Steve Shelley zu verbuchen… Die Liste von Lee Ranaldos Errungenschaften könnte ewig weitergehen.
Steve Shelley ist auch hier wieder mit von der Partie und fabriziert am Schlagzeug untermalende Rhythmen, während Lee das tut, was er am besten kann: Gitarre spielen. Damit auch bloß keine Langeweile aufkommt, rüstet er sich gleich mit einem ganzen Arsenal der geliebten Zupfinstrumente und zaubert so filigrane Klangteppiche aus unseren Stereoanlagen, die dem Sonic Youth Sound in nichts nachstehen. Zwar ist der jung gebliebene 56-jährige noch nicht mit „alt und weise“ zu labeln, doch er bedient sich hier gekonnt einer Bandbreite von fünf Jahrzehnten Musikgeschichte und fischt aus seinem Erfahrungsreservoir Folk, Indie-Rock und eine Prise verträumter Psychadelic, ganz wie es dem Meister beliebt.
Hier und da taucht der Aha-Effekt der musikalischen Wiedererkennung auf: den Gitarrenauftakt von „Waiting On A Dream“ bringen Rolling Stones Fans unmittelbar mit „Paint It Black“ in Verbindung, der Song „Tomorrow Never Comes“ arbeitet mit Rückwärtsgitarren und leicht dumpf verzerrtem Gesang als Hommage an die Beatles und in Stücken wie „Fire Island (Phases)“ oder dem poppigen „Off The Wall“ sieht man nicht nur Lees songinterne Wandlungsfähigkeit, sondern einen Misch all seiner Einflüsse, wie natürlich Sonic Youth, den balladesken Stones, Beatles oder auch den Byrds und R.E.M..
Aber ganz gleich, wie erfrischend unterschiedlich die Songs auch zueinander sind, eins haben sie, neben den erstklassigen Gitarrenlines, gemeinsam: Lyrics mit Tiefgang. Ranaldo schwelgt in Erinnerungen vergangener Träume, ist nachdenklich, kritisch, latent melancholisch, er erzählt von Einsamkeit, Resignation und dem Wandel der Zeit.
„Between The Times And The Tides“ darf mit Recht avantgardistisch genannt werden. Es klingt selbstbewusst, agil und extravagant und verspricht zuverlässige Popsongs mit Message. Respect, Mr Ranaldo!
Hier gibt es das Album im Stream.
Melanie May
Bewertung:
Highlights: Off The Wall, Waiting On A Dream, Stranded
Tracklist:
1. Waiting On A Dream
2. Off The Wall
3. Xtina As I Knew Her
4. Angles
5. Hammer Blows
6. Fire Island (Phases)
7. Lost
8. Shouts
9. Stranded
10. Tomorrow Never Comes
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