
Braucht die Welt überhaupt noch eine weitere Newcomer-Band, die sich, wie viele Vorgänger auch, stadionkompatibler Rockmusik verschrieben hat, oder sind wir bereits reizüberflutet? Das lässt sich schnell und pauschal nicht beantworten, aber im Fall von Morning Parade: Immer her damit!
Nach nur drei gehörten Songs des heiß umworbenen Debütalbums „Morning Parade“ der gleichnamigen Band kann nicht mehr geleugnet werden, dass hier der Grundstein für eine Musikkarriere gelegt wird, deren Durchbruch hoffentlich allzu lange nicht mehr auf sich warten lässt. Das smarte Quintett aus der englischen Grafschaft Essex, bestehend aus Sänger Steve Sparrow an der Gitarre, Chad Thomas ebenfalls an der Gitarre, Ben Giddings am Keyboard, Phil Titus am Bass und Andy Hayes an den Drums, lässt erste Starqualitäten durchblitzen: Talent, hervorragende Live-Performances, Humor und last but not least Aussehen sind ihre Eintrittskarte nicht nur in die Herzen von Teenagern.
Nach ihrer Gründung 2009 folgte in Rekordschnelle ein Vertragsangebot von Seiten Parlophone/EMI – typischer Fall von dream come true für die meisten Bands, nicht so für Morning Parade, die rigoros abgelehnt haben. Zumindest zunächst. Die fünf Freunde ließen sich schließlich doch von EMI weich klopfen und besiegelten im Mai 2010 ihr Schicksal mit einem Plattenvertrag. EMIs Argument: eine Entwicklungs- und Eingewöhnungsphase, die ihnen, wie damals Blur und Tinie Tempah, zusteht.
Und diese Zeit wurde rege genutzt. Ihr Arbeitsethos ist an Gewissenhaftigkeit und Kreativität kaum zu übertreffen. Die anfängliche Spaß-, Hobby- und Hausparty-Band musste sich jetzt schließlich vor einem bedeutenden Plattenlabel verantworten.
Auf mehrere Support-Auftritte für Glasvegas, The Wombats und Feeder folgte im Juli der Höhepunkt: Ein Gig gemeinsam mit ihren „Helden“ von Biffy Clyro beim Ibiza Rocks-Festival. An einem Debütalbum wurde lange gefeilt, ganz gemäß dem Motto: Weile statt Eile. Heraus kam 1.) ein relativ unkreativer Albumtitel, der gegebenenfalls nur noch durch „Untitled“ hätte übertroffen werden können und 2.) kein Album, das nur einen Hit aufzuweisen hat und dessen Rest überflüssig produzierte und bedeutungslose Unterliga-Kinderlieder sind, sondern eine locker-flockige Songansammlung mit mehreren Highlights.
Highlight Nr.1 ganz klar der zweite Song „Headlights“ des 11-Track-Albums, dicht gefolgt von der ersten Single „Under the Stars“, die bereits im November 2010 das Licht der Plattenläden erblickte. Gemeinsam haben die beiden u.a., dass sie eher ruhig starten und dann auf etwas hinarbeiten – heutzutage eine Seltenheit unter all den Mainstream-Liedern, die so aufhören wie sie angefangen haben und sich im Mittelteil von den Strapazen des Anfangs nicht gänzlich erholt auf das baldige Ende vorbereiten. Der oftmals sehr keyboardlastige Sound sowie Steve Sparrows Stimme, die überraschend hoch gehen kann, erinnern stark an die britischen Kollegen von Keane.
Ab und an intervenieren auch mal durchgängig ruhigere Gefühlssongs wie „Running down the Aisle“ mit nachdenklichen Passagen wie „It's a long way down from the mountain to the ground / And it's a long way there, going nowhere”. Doch weshalb diese Depri-Haltung? Schuld sind Zukunfts- und Berufsängste der next generation, der sich auch die Band selber nicht entziehen kann. An dieser Stelle ein heißer Tipp der Band um den Sänger und Kettenraucher Steve: „Lieber jung sterben und dabei Spaß haben, als ohne Zigaretten zum Arschloch zu mutieren.“
Ganz ohne black humour kommen auch diese Briten nicht aus. Grund für das Veröffentlichen der Tracks „Us & ourselves“ und „Running down the Aisle“ auf dem Debütalbum war nicht etwa das Füllen des Albums, sondern die todernstgemeinte Erwartungshaltung, jeden Tag sterben zu können, ohne diese Songs veröffentlicht zu haben.
Dass die Fünf ihren rise to stardom mit britischer Gelassenheit sehen, macht sie umso sympathischer. Sie sind eindeutig die geblieben, die sie vor ihrem Debütalbum waren, haben sich den Hype nicht zu Kopf steigen lassen und stellen sich – anders als andere Rocker oder solche, die es gerne wären – bewusst auf die Ebene der Normalsterblichen.
Zwar haben die Jungs von Morning Parade noch viel zu lernen, um im harten Musik-Business überleben zu können, doch EMI haben sich ja bereits mehrfach als gute Zieheltern für Neulinge etabliert – und solange sie ihre liebgewonnene Individualität nicht aufs Spiel setzen, sind sie hier gut aufgehoben.
Erfolgsrezept der Fünf: „Es gab keinen Druck, und diese Atmosphäre haben wir uns zum Glück bis jetzt erhalten können.“
Melanie May
Wer mag, kann hier beim Album-Gewinnspiel mitmachen und mit etwas Glück die CD gewinnen.
Bewertung:
Highlights: Headlights, Under the Stars, Us & ourselves
Tracklist:
1. Blue Winter
2. Headlights
3. Carousel
4. Running Down The Aisle
5. Us And Ourselves
6. Under The Stars
7. Close To Your Heart
8. Half Litre Bottle
9. Monday Morning
10. Speechless
11. Born Alone
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