Als Robert Oppenheimer, Leiter des
Manhattan Projects und Vater der Atombombe, während eines ersten Tests der Waffe ein indisches Zitat aus dem Bhagavadgita, dem heiligen Buch der Hindus, recht frei übersetzte, konnte er noch nicht ahnen, dass sich gut 65 Jahre später eine einst musikalisch wegweisende Nu-Metal-Band namens Linkin Park seiner Worte bedienen und ein Album abliefern würden, das zumindest mit der Durchschlagskraft seiner Erfindung rein gar nichts zu tun hat. Jemand möge bitte Mike Shinodas Hund überfahren.
Oh, wie viel versprechend ist das Intro auf „A thousand Suns“, wie wunderbar wieder erkennbar die Melodie und das Zitat über die Verbrennung Aller ob der Sünden unserer Hände und Zungen im Feuer von tausend Sonnen, die in der vorab veröffentlichten Single „The Catalyst“ propagiert wird – der Effekt schürt Vorfreude. Und wie schön effektvoll es sich in über zwei Minuten zum ersten Höhepunkt hochschaukelt, um dann…erst einmal nicht in einem musikalischen Feuersturm zu münden, sondern einem Mitschnitt des exakten Wortlauts Oppenheimers über die Explosion Trinitys. Diesmal dauert die Abhandlung nur eine Minute und nach so viel Dramatik darf man ja wohl einen musikalischen Feuerst…
Nein – das wäre ja zu offensichtlich. Also ist der Opener erst mal eine radiotaugliche Nummer, die sich in Selbstreflexion übt. Im Kontext des Epilogs lyrisch halbwegs interessant – musikalisch eine strenge Fortführung dessen, was von den Mannen um Mike Shinoda und Chester Bennington zuletzt immer wieder im Radio zu hören war: Laue Poplüftchen. Das darf man natürlich gut finden, die Hoffnung eines Fans der ersten beiden Alben dürfte hier allerdings schon einem ungläubigen bis nervösen Blick gewichen sein.
Doch der thematischen Schwere mehr: Neben Referenz auf
Mario Savios unheilvoller Propaganda gegen
Technokratie („Wretches and Kings“) wird auf „A thousand Suns“ auch Martin Luther Kings Statement gegen Aufrüstung bemüht.
Heavy Stuff! Dass da musikalisch gegengehalten werden muss, versteht sich von selbst und so machen sich Linkin Park nach einem weiteren Zwischenspiel und der stampfenden Hymne „When they come for me“ (ob Mike Shinoda hier gute Rapskills zeigt, darf jeder für sich selbst entscheiden) erst einmal auf, jegliches Warten auf eine Nummer, die irgendetwas mit dem zu tun hat, was man von den „alten“ LPs kennt, mit „Robot Boy“ ad absurdum zu führen. Es ist unbeschreiblich, wie erbärmlich dieser Song nach einer Dieter Bohlen Produktion klingt und ironisch zugleich, wie sich Bennington gegen Ende im Hintergrund die Seele aus dem Leib zu schreien scheint, als ob er aus dieser schrecklichen Schunkel-Falle ausbrechen wollte.
Ein Zwischenspiel! „Jornada del Muerto“ baut erneut unerträgliche Spannung auf, löst diese dann allerdings in Wohlgefallen auf und…E-GITARREN!! Nein, ein Klavier! Beides - Shinoda rappt wieder! Was kommt jetzt?! Ach ja, “Waiting for the End” - kennen wir schon. Schön radiotauglich ist das, also Feuerzeuge raus und Händchen halten! Dass man sich spätestens hier fragt, wer schon wieder den Weichspüler ins Aufnahmegerät gekippt hat, ist rechtens. Man darf aber auch beginnen zu reflektieren, ob man die Intention der Band nicht versteht oder warum man eigentlich erwartet, dass sich Linkin Park wieder zu ihren Anfängen „zurückentwickeln“. „A thousand Suns“ sollte ein progressives, ein unvorhersehbares Album werden, ein Album ohne musikalische Grenzen. Progressiv? Nein. Unvorhersehbar? Ja, aber nicht im positiven Sinne. Ohne musikalische Grenzen? Nein, denn dafür ist viel zu viel Konsens auf der Scheibe.
Vor dem immer wieder bemühten inhaltlichen Hintergrund muss man allerdings auch die Frage stellen, ob Linkin Park nicht doch höhere Ziele verfolgen und auf ihre Art zur Rebellion aufrufen gegen…ja, gegen was denn eigentlich? Die Politik? Die Wissenschaft, die sich selbst keine Grenzen aufoktroyiert? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall ist es ein sehr steriles und mitunter unglaublich flaches und ödes Aufbegehren geworden, das das kalifornische Sextett hier zutage legt.
Linkin Park nehmen sich auf „A thousand Suns“ viel zu ernst, haben der inhaltlichen Schwere ihres Möchtegernkonzeptalbums musikalisch nichts entgegenzusetzen, wenn auch immer mal wieder gute Ansätze vorhanden sind, und machen ihre Musik entweder nur noch für sich selbst (was absolut in Ordnung wäre) oder für die zusätzlichen Millionen, die ihnen das Album ohne Zweifel einbringen wird.
Jemand möge bitte Mike Shinodas Hund überfahren, damit sich die Band demnächst wieder ehrlichen Emotionen widmet und nicht irgendeiner angestrengt seriösen Abhandlung über die Schrecken der Moderne.
Bewertung: ![]()
Highlights: The Catalyst
Tracklist:
1. The Requiem
2. The Radiance
3. Burning In The Skies
4. Empty Spaces
5. When They Come For Me [Explicit]
6. Robot Boy
7. Jornada Del Muerto
8. Waiting For The End
9. Blackout [Explicit]
10. Wretches And Kings
11. Wisdom, Justice, And Love
12. Iridescent
13. Fallout
14. The Catalyst
15. The Messenger


24.06.12 | Review
25.05.12 | News













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