Enno Bunger - Ein bisschen mehr Herz (VÖ 19.2.)

Enno Bunger - Ein bisschen mehr Herz (VÖ 19.2.) Für Menschen, deren Musikgeschmack eher in Richtung AC/DC tendiert, dürfte Enno Bunger das absolute Grauen darstellen. Den 23-Jährigen Klavierpopper mitsamt Basszupfer und Trommler einfach in die wohlig warme Melancholie-Schublade zu stecken, wäre allerdings ein viel größeres. Denn Enno Bunger ist zwar melancholisch, singt aber erstens deutsch und hat zweitens Recht. Und wenn die Wahrheit melancholisch ist, muss man eben auch melancholisch darüber singen, oder?

 

 

 

Dabei versteht sich der junge Singer/Songwriter aus dem nordischen Leer sogar sehr gut auf die Schönfärberei. Zugegeben, der Titel des Debütalbums „Ein bisschen mehr Herz“ könnte genau so gut die achthundertsiebenundsechzigste Veröffentlichung von Marianne und Michael zieren. Damit hat das Ganze aber herzlich wenig zu tun. Nach fünf Schaffensjahren, drei EPs und ungefähr 100 Konzerten sind die zwölf Songs des Albums der banale Pathos eines Songschreibers, der seine Umwelt sehr gut zu beobachten scheint, sich aber dennoch weigert, die Hoffnung an das Gute aufzugeben. Banal, weil das Album sprachlich sympathisch trocken und einfach daherkommt. Pathos, weil die Songs auf ganz furchtbar positive Weise so pathetisch sind, dass beim Hören die Tapeten aufweichen.

Schon die erste Single ist der beste Beweis für den großen Widerspruch, von dem das Album bestimmt wird. „Herzschlag“ erschafft mit simplen Gesangslinien und verlorenen Pianoklängen einerseits eine große Melancholie, die andererseits durch den Text und vor allem den Refrain - „Und mit jedem einzelnen Herzschlag fühle ich mich wie neugebor'n“ -  in etwas sehr Aufmunterndes verwandelt wird. Positive Traurigkeit kann man das wohl nennen.

Single Nummer zwei kann da nicht so ganz mithalten. „Hier und Jetzt“ brachte Enno Bunger 2007 zwar ordentlich Lorbeeren beim „Band Battle“ von Radio N-Joy ein, wirkt aber besonders im Vergleich zu „Herzschlag“ zu weich. Inhaltlich schlägt die Nummer in die gleiche Kerbe: Hintern hoch, es wird Zeit, dass es weitergeht! Keane und Coldplay winken freudestrahlend um die Ecke, aber diese Schublade verkneifen wir uns einfach mal.


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Enno Bunger - Herzschlag


Wesentlich besser schlagen sich dagegen „Warum muss alles so kompliziert sein“ und „Weltuntergang“. Ersterer Song, eine sehr verlorene Ballade, lebt von minimalen Klavierexzessen, warmen Streichern, Glockenspiel und ganz, ganz weit entfernten Drums. Wer den Refrain einmal im Kopf hat, wird ihn so schnell nicht mehr los. Zusammen mit „Herzschlag“ ist dies das stärkste Stück des Albums und unbedingt hörenswert!
„Weltuntergang“ transportiert ein weiteres Mal das große Bunger-Thema: Man fällt hin, um wieder aufzustehen. Natürlich, sagen kann das jeder. Nicht umsonst gibt es unzählige Songs mit dieser Leier. Was Enno Bunger in den meisten seiner Songs von anderen unterscheidet ist, dass man ihm seine Worte glaubt.
Da macht es dann auch nichts aus, wenn die Band zum elften Mal dieselbe Songstruktur verwendet, die Streicher/Keyboards zum Finale noch lauter dreht oder mit dem Titelsong „Ein bisschen mehr Herz“ tief in „cinderellaeske“ Gefilde abdriftet. Alles vollkommen egal, dieser Typ wirkt einfach echt. 

Inhaltlich macht der ewige Kontrast zwischen verträumter Traurigkeit und aufmunternder Botschaft das Album interessant.
Produzent Oliver Zülch (u.a. Die Ärzte, Juli, Sportfreunde Stiller) ist es zwar gelungen, den Livesound der Band einzufangen. Ab und an wäre ein bisschen mehr Dreck in den Aufnahmen aber doch ganz nett gewesen. Dass so etwas trotz Pianopop nicht unmöglich ist, beweist „Ich kann's nicht mehr hören“, dem ein verzerrter Bass nahezu heroische Kräfte verleiht.

Enno Bungers „Ein bisschen mehr Herz“ braucht Zeit um zu begeistern. Haben die Songs ihre Beute aber erst gepackt, halten ihre Hörerschaft gehörig fest in der Mangel. Klavier, Bass und Schlagzeug – mehr brauchen die drei Leeraner nicht, um viele Menschen sehr nachdenklich zu stimmen. Vielleicht entdeckt der ein oder andere AC/DC-Jünger hier sogar seine sentimentale Ader. Geht man nach Enno Bunger, dann ist sowieso nichts unmöglich, und falls doch, dann wird trotzdem alles besser. Ein Album das klingt, wie Regen sich anfühlt – wunderbar.

                                            Felix Wilmsen

Bewertung: 4/5
Highlights: Herzschlag, Warum muss alles so kompliziert sein, Weltuntergang
Lowlights: Hier und Jetzt

Tracklist:
1. Herzschlag
2. Hier und Jetzt
3. 8“ Gedackt
4. Warum muss alles so kompliziert sein
5. Ich kann's nicht mehr hören
6. Weltuntergang
7. Unfassbar
8. Pass auf dich auf
9. Wahre Freundschaft
10. Ein bisschen mehr Herz
11. Alles wird gut
12. Das Lied vom Nachtwind

Weiteres Material:
Offizielle Webseite: http://www.ennobunger.de
Myspace: http://www.myspace.com/ennobunger


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