Gorillaz - Plastic Beach (VÖ 5.3.)

Gorillaz - Plastic Beach (VÖ 5.3.) Laut myspace kommen die Gorillaz aus Essex - dort zumindest steht ihr Studio. Sagen wir mal sie schicken ihre Samples dorthin, denn eigentlich sitzen sie ja gerade auf „Plastic Beach“, einer Insel, die aus reichlich Resten der materialistisch geprägten Welt zusammengesetzt ist und aus deren Beständen die Comictruppe neue Spielzeuge formt. Gorillaz Vorstand Damon Albarn tut musikalisch Ähnliches: Er bedient sich bei allem, was musikalisch in den letzten Jahren angespült wurde und formt es neu. Das bringt uns keine Hits wie „Clint Eastwood“ oder „Dare“ und auch keine einfache Kost, aber trotz seines herausfordernden Eklektizimus eines der most laid back Alben der letzten Zeit.

 

 

 

Das fängt schon beim Opener an, einem zeitlosen Streicherarragement, das in jedem Film der letzten 60 Jahre seinen Platz finden könnte und letztendlich in einem dissonanten Bläsersatz endet, um den Kameraschwenk hin an den Strand von „Plastic Beach“ musikalisch darzubieten.
Und dann geht er los, dieser Reigen munterer Kollaborationen Albarns mit allem, was Rang und Namen hat. Den Einstieg macht Inselwachhund Snoop Dogg in einer Art Hip Hop Lounge Nummer, die erst einmal nichts mit einem klassischen Opener zu tun hat – ein wenig Verwunderung darf hier erlaubt sein. Mehr nach Gorillaz klingt dann „White Flag“, eine Art karibische Rap Version eines Bollywood Soundtracks, die…ja, was eigentlich?

Auffällig ist jetzt schon, dass die Umschreibung „eine Art“ hier öfter greift. War die musikalische Landschaft bei „Gorillaz“ (2001) und „Demon Days“ (2005) noch stark am Pop angelehnt und konnte mit Titeln wie „Clint Eastwood“, „Dare“ oder „“Feel Good Inc.“ noch jedem Hörer ein zufriedenes Lächeln entlocken, wird „Plastic Beach“ das eine oder andere Fragezeichen hinterlassen. Das dritte Album der Cartoonfiguren ist elektrischer geprägt als die Vorgänger („plastic“ eben), legt mehr Focus auf die Präsentation der verschiedenen Stile und Künstler und scheint sich weniger um die Figuren selbst zu kümmern. Mastermind Damon Albarn selbst dazu: "Gorillaz now to us is not like four animated characters any more - it's more like an organisation of people doing new projects. That's my ideal model - Gorillaz is a group of people who gave you this, and now want to give you new stuff."

Gorillaz (c) EMI/Jamie Hewlett


Die Frage ist nur: Was will man von den Gorillaz eigentlich hören beziehungsweise sehen? Dass Comicfiguren als Band auftreten war 2001 neu. 2005 hatte man sich daran gewöhnt und erfreute sich an einer ganzen Reihe eingängiger Nummern und einer hübschen Prise Selbstironie, die gut zum Klischee des Cartoons an sich passte. Auch die abgedrehten Figuren um 2D (Gesang und Keyboards), Murdoc Niccals (Bass), Noodle (Gitarre) und Russel Hobbs (Drums) überforderten trotz ihrer schrägen Zeichnung niemanden, kamen sie doch stets freundlich rüber und hatten die Situationen, in die sie ihre Autoren brachten, immer irgendwie im Griff.

Heute wirken die Gorillaz ernster. Das sollte in Zeiten von teils düsteren Verfilmungen bekannter Comichelden eigentlich niemanden mehr verstören. „Stylo“, die erste Singleauskopplung aus „Plastic Beach“, ist zwar eine wirklich gute Mischung aus 70er Soul und aktueller elektronischer Vibes, die genauso gut von Faithless kommen könnten, wären sie heute noch in der Lage dazu. Zusammen mit dem Video hinterlässt sie jedoch den fahlen Beigeschmack, dass die Gorillaz nicht mehr Herr der Lage sind. Die Band (ohne Drummer Russel, dessen Verbleib zurzeit nicht klar ist) ist hier bei einem Ausflug aufs Festland mit einem bereits zu Beginn mit Pistolenkugel durchsiebten Auto auf der Flucht und eine Roboterversion von Noodle (die Dame galt seit dem Angriff auf die Windmühle in „El Manana“ als verschollen) ist doch tatsächlich glatt durchgeschossen, segnet sogar das Zeitliche. Visuell ist das Video sehr beeindruckend, unterstützt aber nur sehr subtil die Botschaft des Songs und wie die Geschichte endet ist offen. Es wirkt, als ob sich das Schicksal der Gorillaz den Nachrichten unserer Zeit anpasst und sie eigentlich nur noch reagieren statt agieren.


falls Video geblockt...

Gorillaz - Stylo


Musikalisch macht „Plastic Beach“ natürlich allerhand her. Albarn und seine Gastmusiker (Snoop Dogg, Hypnotic Brass Ensemble, Kano, Bashy, Bobby Womack, Mos Def, Gruff Rhys, De La Soul, Little Dragon, Mark E. Smith, Lou Reed, Mick Jones, Paul Simonon, sinfonia ViVA and The Lebanese National Orchestra for Oriental Arabic Music) fahren hier eine famose, weltmusikalische Mischung aus Pop, Soul, Electro, Dancehall und Hip Hop auf. Das beginnt mit einem entspannten Snoop Dogg, hangelt sich über ein famoses „Rhinestone Eyes“, das mit Albarns typischer Telefonstimme im Remix eine flotte 80er Tanznummer ergeben könnte, groovt sich durch das erwähnte „Stylo“ und mündet nach einem erneut sehr entspannten „Empire Ants“ im vorläufigen Höhepunkt und Ohrwurm „Some Kind of Nature“, bei dem die alte Zicke Lou Reed seine fragilen Vocals beisteuert.
Danach schwimmt „Plastic Beach“ musikalisch ein wenig ziellos (manche würden sagen „avantgardistisch“) durch „Sweepstakes“, den Titeltrack und „To Binge“, bis wir in „Cloud of Unknowing“, das erneut von Bobby Womack gesungen wird und irgendwie an Moby (natürlich zu seinen besten Zeiten) erinnert, und dem Schlussgroover „Pirate Jet“ auf eine Reise zu neuer Hoffnung aufbrechen. Was bleibt ist ein starkes Gefühl von Melancholie, viele der Songs wirken etwas launisch.

Damon Albarn hat betont, dass er mit „Plastic Beach“ kein politisches Statement abgeben oder gar „grün“ wirken möchte. Er wolle nur ein Bild malen und musikalische Welten zueinander finden lassen. Noch sind die Gorillaz ein gutes Vehikel dafür, doch wenn der künstlerische Inhalt ob der Vielzahl an Einflüssen und Kollaborationen irgendwann überwiegt, könnte eine vier Köpfe starke Comicband als Gefäß zu klein sein, vor allem wenn sie sich – wie zuletzt – selbst kannibalisiert.

Anhören könnt ihr das komplette Album hier:
http://www.guardian.co.uk/music/musicblog/2010/mar/01/gorillaz-plastic-beach

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Bewertung: 4/5
Highlights: Rhinestone Eyes, Some Kind of Nature, Stylo
Lowlights: Glitter Freeze

Tracklist:
1. Orchestral Intro
2. Welcome To The World Of The Plastic Beach (feat. Snoop Dogg & Hypnotic Brass Ensemble)
3. White Flag (feat. Kano & Bashy)
4. Rhinestone Eyes
5. Stylo (feat. Bobby Womack & Mos Def)
6. Superfast Jellyfish (feat. Gruff Rhys & De La Soul)
7. Empire Ants (feat. Little Dragon)
8. Glitter Freeze (feat. Mark E Smith)
9. Some Kind Of Nature (feat. Lou Reed)
10. On Melancholy Hill
11. Broken
12. Sweepstakes (feat. Mos Def & Hypnotic Brass Ensemble)
13. Plastic Beach (feat. Mick Jones & Paul Simonon)
14. To Binge (feat. Little Dragon)
15. Cloud Of Unknowing (feat. Bobby Womack)
16. Pirate Jet

Weiteres Material:
Offizielle Webseite: http://www.gorillaz.com
Myspace: http://www.myspace.com/gorillaz


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