
Es ist Dienstagabend, mitten in Kreuzberg. Zwischen Obst- und Gemüse-Ständen, Falafelbuden und belebten Straßencafés parkt ein grauer Bus mit verdunkelten Scheiben: Die Grunge-Rocker von Puddle of Mudd sind in der Stadt und locken nach ihrer erfolgreichen UK-Tour im vergangen Jahr nun auch das europäische Festland in die Clubs und Konzertsäle. Wir berichten vom Gig und sprachen außerdem mit Wes Scantlin.
Als wir uns gegen 19 Uhr zum verabredeten Interview am SO36 einfinden, wartet bereits eine Handvoll Fans vor den noch verschlossenen Türen der Kiezbühne. Nicht weit entfernt schleppen fünf tätowierte Jungs, die wir zunächst für Roadies halten, kistenweise Bühnenequipment, Kabel und ein komplettes Drumset aus einem Transporter durch den Seiteneingang. Wir drücken uns an ihnen vorbei, denn Puddle of Mudd Frontmann Wes Scantlin erwartet uns zusammen mit einer jungen Dame und seinem Tourmanager „Big Red“ Johnson (dessen Statur und feuerrotes Barthaar seinem Namen alle Ehre machen) im Hinterhof des angrenzenden Wohnblocks. Wir stellen uns per Handschlag vor, während durch die Wände des Clubs bereits der Soundcheck dröhnt. Die brünette Schönheit ist nicht etwa seine Freundin aus Amerika, sondern Olivia, „die mir im Pub gegenüber ein Bier ausgegeben hat“, wie uns Wes erzählt. Dann geht’s wieder nach draußen, denn Scantlin schiebt uns allesamt in den grauen Tour-Bus. Die Luft drinnen ist klimatisiert. „Machen wir das Interview mit oder ohne Joint?“, fragt er grinsend und fleezt sich auf einen der dick gepolsterten Ledersitze...
Das Konzert
Es muss gegen 21:20 Uhr sein, als im SO36 endlich die Lichter ausgehen.
Eine knappe Minute später donnert schließlich die Bass Drum von Dear Superstar zum flackernden Rot-grün-violett der Scheinwerfer durch den Raum. Im schummerigen Licht entpuppen sich die vermeintlichen Roadies schließlich als Micky Satiar und seine kunterbunt tätowierten Jungs aus Manchester, welche hier eine beachtenswert solide Show abliefern.
Im Gepäck haben sie mindestens sieben stimmige Songs, die allesamt ziemlich metal-lastig klingen und mit ihren kraftvollen Riffs, schnellen Gitarren-Solos und einem guten Mix aus Gesang und Growling von Frontmann Micky einen tierischen Ohrenhunger auf mehr erwecken. Dem Publikum gefällt es, und als Dear Superstar den vorgeheizten Saal geschlossen per Devil Horns verabschieden, gibt es einen lauten und verdienten Applaus.
Doch für die in Deutschland weitestgehend unbekannte Band ist die Arbeit an diesem Abend noch längst nicht getan: Es gilt den Merchandising-Stand zu betreuen und den aktuellen Tonträger an den Fan zu bringen, wofür sich die charismatischen Engländer jedoch keineswegs zu schade sind.
Der anfangs eher lichte Konzertsaal des SO36 füllt sich nun allmählich und verlangt in den schmalen Gängen zur Bar, dem Raucherraum oder der Garderobe ziemlich breite Schultern - oder ein nettes Lächeln. Denn das Kreuzberger Publikum ist gemischt und präsentiert sich bestens gelaunt: Ein paar junge Frauen etwa, die vielleicht zum Anfang dieses Jahrtausends mit dem Soundtrack vom Erfolgsalbum Come Clean ihre erste große Liebe gefunden haben, schlängeln sich lachend in Richtung Bühne. Die Liebe zur Musik steht auch den Mittdreißiger Herren ins Gesicht geschrieben - und vielen anderen auf das Shirt gedruckt. Es klirren Flaschen, einige Kamerablitze erhellen für Sekunden den Raum, und dann wird es wieder dunkel: Jetzt geht es los! Fünf Schatten tasten sich unter tosenden Jubelschreien und schrillen Pfiffen an die Instrumente. Aus dem Zwielicht tritt schließlich Puddle of Mudd Sänger Wes Scantlin und schlägt die ersten Akkorde zum Opener „Control“ auf seiner Gitarre an. Die Band um ihn herum ist schon längst nicht mehr die Originalbesetzung - besteht sie doch mittlerweile aus vier komplett neuen Gesichtern.
Das tut jedoch weder Sound noch Stimmung Abbruch, denn wenn es neben der Musik noch etwas gibt, das Wes Scantlin wirklich gut beherrscht, dann ist es das Finden von talentiertem Ersatz für seine Rock-Combo. Und das Konzept der Neubesetzung geht (mal wieder) auf, denn nach den Puddle-Evergreens Living On Borrowed Time und Drift & Die funktioniert auch das von AC/DC übernommene TNT als echter Bühnenkracher. Weitere neu aufgelegte „alte“ Hits von ihrem aktuellen Cover-Album bringen Puddle of Mudd an diesem Abend aber nicht, denn das hauseigene Repertoire der Grunge-Rocker bietet durchaus genug Zündstoff für eine gute Show. Und so folgen neben Away From Me, Stoned und Nobody Told Me noch weitere Glanzstücke aus der eher erfolgreicheren Zeit der Bandgeschichte.
Zu einem eindrucksvollen Drum-Solo, das allein von seiner Länge her schon ein eigenständiges Stück sein könnte, verabschieden sich Wes Scantlin, Doug Ardito, Adam Latiff und Christian Stone schließlich von der Bühne, die nun ganz allein dem wirbelnden Schlagzeuger Shannon Boone gehört. Aber soll das schon alles gewesen sein? Natürlich nicht, denn was wäre ein Rockkonzert ohne Zugabe, und was wären Puddle of Mudd ohne ihre Hits Psycho und She Hates Me? Und wer hätte es gedacht - natürlich erfüllen Puddle of Mudd mit diesen beiden heiß erwarteten Stücken dem Publikum seinen letzten Wunsch. Überraschend aber dafür umso besser: Zum eingehenden Ohrwurm Blurry gibt es außerdem noch ein wunderbares Gitarren-Interlude, das sich über mehrere Minuten zieht, mit auf den Weg nach Hause.
Das Interview
Valve: Willkommen in Berlin. Wie geht’s und seit wann seid ihr in der Stadt?
Wes Scantlin: Heute Nacht, das ist unsere erste Show auf dieser Tour. Wir sind schon seit zwei Tagen in Berlin und es ist großartig!
Valve: Für eure aktuelle Tour sind 23 Auftritte geplant; unter anderem in Deutschland, Frankreich und Italien, bevor es wieder zurück in die Staaten und anschließend nach Kanada geht. Und trotzdem kommt ihr noch einmal zurück.
Wes Scantlin: Yeah, im Herbst geht die Tour weiter und wir kommen noch einmal nach Deutschland. Nach Köln. Die Stadt cool und vor allem diese Kirche, Du weißt schon, der Kölner Dom. It is so fucking big. Im Krieg hat er eine Menge Bomben abbekommen, und trotzdem ist er noch da.

Valve: Ja, das stimmt. Wer ist denn eigentlich von der Band noch da? Auf dem Tourplakat seid ihr nur zu dritt.
Wes Scantlin: Wer ist da zu sehen - Paul? Ryan ist schon seit über einem Jahr nicht mehr bei uns. Wollt ihr was Lustiges hören? Auch Paul Philips ist nicht mehr in der Band. Und ich bin nicht mehr verheiratet. Paul ist letztes Jahr gegangen. Im Grunde war das ein sehr beschissenes Jahr, denn ich habe mit ihm und meiner Frau gleich zwei wirklich tolle Menschen verloren. Der da ist neu. [Wes lacht und zeigt auf Gitarrist Adam Latiff, der gerade den Bus betritt, um sich ein Erdinger und eine Cola aus dem Kühlschrank zu greifen.]
Valve: Euch gefällt deutsches Bier.
Wes Scantlin: Das beste Bier, das ich jemals getrunken habe. In meinem ganzen Leben, das schwöre ich. [Wes zwinkert der schönen Olivia zu, die sich entspannt auf einer Sitzbank gegenüber räkelt.]
Valve: Die letzten drei Alben von euch sind innerhalb von drei Jahren erschienen. Dürfen wir auch dieses Jahr mit einem neuen Release rechnen?
Wes Scantlin: Ja, trotz all dem Chaos läuft eigentlich ganz gut. Nach der ersten Hälfte der Tour fahren wir direkt nach Hause und dann geht‘s ab ins Studio. Auf jeden Fall werden wir dieses Jahr noch etwas rausbringen. Wir schreiben schon an neuen Tracks.
Valve: Auf der letzten Platte befinden sich jede Menge cooler Classic-Rock-Songs. Was gefällt euch denn so an aktuelleren Sachen?
Wes Scantlin [fängt an zu summen]: Dieses eine Band, wie heißt die gleich? Die haben Supermassive Black Hole gemacht. Ein wirklich genialer Song!
Valve: Wenn von Puddle of Mudd gesprochen wird, dann fällt schnell die Bezeichnung Post Grunge. Bist Du damit einverstanden?
Wes Scantlin: Klar, warum nicht? Das ist unser Ding, ganz egal, wie sie es nennen. Wir probieren verschiedene Dinge aus, aber eigentlich wollen wir bei der Basis bleiben und den Sound einfach halten.
Valve: In welcher Stimmung schreibst Du lieber: In der guten oder in der melancholischen?
Wes Scantlin: Am besten ist dafür die Zeit zwischen 11 Uhr abends und 7 Uhr morgens. Dann bin ich in der perfekten Stimmung für richtig gute Sachen. Ich döse lieber tagsüber und bin in der Nacht aktiv.
Valve: Erzähl uns, wer die abgedrehteste Person ist, mit der Du dich jemals besoffen hast.
Wes Scantlin [streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und denkt ernsthaft darüber nach]: Dieser Comedian Guy war schon echt lustig. Aber ich würde sagen, Val Kilmer bleibt die Nummer eins. Der Typ hat es echt drauf. Als wir betrunken waren, hat er all seine Rollen in fünf Minuten durchgespielt. Er hat den Batman gemacht, mit originalen Filmzitaten. Damn crazy cool person.
Valve: Hast Du noch mit Fred Durst zu tun?
Wes Scantlin: Ja, hin und wieder. Wir sehen uns leider nicht so oft, da wir uns meistens nicht einmal auf demselben Kontinent aufhalten. Ich bin hier, in Europa, und er macht irgendwas da drüben. Er ist sehr beschäftigt.
Valve: Habt ihr irgendwelche schrägen Rituale vor euren Shows?
Wes Scantlin: Wir machen den Puddle-Huddle. Dazu stellen wir uns in einem Kreis auf und legen uns die Arme auf die Schultern, wie beim Rugby. So laden wir Gott ein, zu uns herunter zu kommen und Spaß zu haben.

Valve: Bist Du sehr religiös?
Wes Scantlin: Ich glaube an Gott. Ich glaube, dass da etwas ist. Aber ich bin nicht einer, der jeden Sonntag in die Kirche geht.
Valve: Wusstest Du, dass dieser Laden hier mal ein Supermarkt war, irgendwann in den 60ern?
Wes Scantlin: Nein, das ist abgefahren! Wir machen den Puddle-Huddle in einem Supermarkt!
Valve: Wer gewinnt die Fußball Europa-Meisterschaft?
Wes Scantlin: Manchester United.
Valve: Das ist die falsche Antwort. Es spielen nur nationale Teams.
Wes Scantlin [lacht]: Dann sage ich Italien.
Text und Interview: Marko Lapuschkin
Fotos: Marcus Sielaff
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