dEUS / SX, 29.11.2011 in Hamburg in der Markthalle

(c) Matej Slezak

Auch fernab der ganz großen Experimente; dEUS aus Antwerpen bleiben eine der ambitioniertesten und spielfreudigsten Bands. Solide und routiniert rockend werden die Kritiker ausrufen, hingegen sich die Bekehrten von einem tief groovenden Konzert in Hamburg berauschen ließen. 


 

Auch 15 Jahre nach Bandgründung bieten dEUS live noch immer ein mitreißendes Spektakel, arglos und beherzt in all ihrer unwiderruflichen Melancholie, einer kollektiven Auflehnung gleich, die die Band, vom amorphen Chaos kommend, in eine unverwüstliche Form gegossen hat. An Leidenschaft hingegen hat diese Band bislang nichts eingebüßt, das Publikum in der erlauchten Markthalle wird es auch weit nach Konzertende bezeugen können.

Es soll sie ja geben, diese Leute, ehemalige Fans oftmals, die früher alles besser fanden, die Band dEUS zum Beispiel. Eine beispiellose Karriere haben die Belgier bislang hingelegt, auch wenn die Zeiten unwiderruflich Geschichte sind, in denen sie, einem musikalischen Wanderzirkus ähnelnd, mit Sound- und Songquerelen um sich schlugen. Einen experimentellen Flächenbrand zündeten dEUS in ihren ersten Jahren, Strukturen konsequent verbannend und doch war das erste wirkliche Meisterwerk der Band schon damals das über weite Strecken sehr feinfühlige und nur zeitweise verwirrende „In A Bar Under The Sea“.

Oder war das eigentlich verwirrende seinerzeit, dass diese Band, die sonst mit unformulierten und schrägen Stakkatos um sich schlug, auf einmal auch so tief berühren konnte wie im knarzenden „For The Roses“, einem Song, der auch heute noch zu den unbestreitbaren Höhepunkten eines jeden dEUS-Konzertes gilt? Die Feuerschlucker und Schlangenbeschwörer waren hingegen eh nie real, blieben nur abgebildet auf dem Cover ihres vielleicht besten Albums „The Ideal Crash“, auf dem sich der künftige Weg schon abzeichnete mit den galant definierten Songs inmitten eines fesselnd, spielfreudigen Umfelds. Daraus speisen sich auch die letzten Veröffentlichungen, hin zum aktuellen, sehr stimmungsvollen Keep You Close, aus dem sie etliche Songs an dem Abend in der Markthalle spielten und die sich, mehr als wohlwollend in das Set einfügten.

(c) Frederic Osczak

Und überhaupt sind es nicht nur die frühen Kultsongs der Band, die live eine Rolle spielen, wie das stets quengelnde „Suds And Soda“, das sie in Hamburg nicht einmal anstimmten. Songs aus allen Dekaden der Band können begeistern auch wenn „Little Arithmetics“ und das folgende „Instant Street“ aus den Neunziger Jahren besonders im Fokus stehen. Mit ihrer melodischen Leichtigkeit sind beide Songs vor allem ein Moment des Innehaltens inmitten des ansonsten rastlosen Sets. Wie entfesselt agiert die Band, ungeniert zwischen den Stilen wandernd, wie im getriebenen „The Architect“ oder im Rockmonument „Bad Timing“ aus dem 2005 veröffentlichten Comebackalbum „Pocket Revolution“.

Seit dieser Zeit spielen dEUS in derselben Besetzung, was ihren aktuellen Auftritten einen beinahe federnden, sehr eingespielten Charakter verleiht auch wenn sich die Band genug Raum für Austritte erlaubt. Diese nutzt vor allem Frontmann Tom Barman dazu, sich unbeschwert und ausgiebigst dem Groovegewitter der Band tänzelnd hinzugeben. Selbst wenn dEUS über die volle Konzertlänge weitestgehend gesattelt mit ihrer einstmaligen Experimentierfreude umgehen scheinen sie noch immer in der Lage zu jedem Zeitpunkt auszuschlagen, das brachiale „Oh Your God“ legt davon greifbar Zeugnis ab. Das Unmögliche ist also immer noch drin bei dieser Band, mindestens.

dEUS - Keep You Close (2011) by dEUSbe

Was die Ambitionen zum überschwänglichen Gefühlsmoment angeht und doch von ungleich minimalistischerer Gangart agierte die Vorband des Abends; SX, eine junge Band aus Belgien mit der beeindruckenden Sängerin Stefanie Callebaut, die zu jeder Zeit die volle Aufmerksamkeit der gemeinsamen Tour mit dEUS gekonnt ausnutzte, um ihre elektronischen, emotional sehr aufgeladenen Songs einem größeren Publikum vorzustellen. Während die Band dabei einen scharfkantigen Rhythmus schuf, räkelte sich Callebaut höchst verführerisch hinter ihrem Keyboard und betörte dabei mit einer kraftvollen, beinahe soulgeladenen Stimme. Ein früher, sehr exzentrischer Höhepunkt des feinen Konzertabends.

Marc-Alexander Jacobi

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