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Wie klingt ein Album, das den klangvollen Namen „Hamada“ trägt, der so lautmalerisch er auch sein mag, im Arabischen etwas Lebloses oder Unbelebtes bezeichnet? Oder die Wüste, die so gar nicht unbelebt ist, wenn man mal genau hinhört und sieht. Das Leben in ihr ist leise und unscheinbar.
Sucht man Nils Petter Molvaer auf Lastfm findet man als Tags: Electronic, Experimental, Jazz, Trumpet, Nu-Jazz, Norwegian, Tord Gustavsen, Esbjörn Svenson oder Eivind Aarset, einer DER norwegischen Jazzgitarristen, der ebenso innovativ wie Molvaer selbst, nicht zum ersten Mal zusammen mit ihm und Drummer Audun Kleive träumerische Landschaften malt.
Dass Molvaers Musik immer, auch in ihren brutalsten Momenten, etwas Zeitvergessenes, Schwebendes, Herausragendes hat, liegt an dem Miles Davis Ton des Komponisten. Diesem tröstend kraftvollen aber doch so zerbrechlich feingliedrigen Ton, stets an der Grenze zum Abbruch mit dem weichen Ansatz und hohen Luftdurchsatz. Diesen geruhsam einfühlsamen Tönen, die sich rar machen, aber alles sagen. Weise wirkt eine rauchige Melancholie, voller Einsicht des Gereiften, überzeitlich.
 Überhaupt ist dies ein sparsames Album das Zeit braucht und sich Zeit lässt. Verrückte Sounds und Samples gibt es zwar reichlich, aber sie fügen sich leise und fast verklärt zu einer breiten Klangfläche und bilden eine Landschaft, deren verspielten Reichtum man erst auf den zweiten Blick erkennt und die Raum lässt für diesen Miles Davis Ton, ganz Souverän. Hamada ist in diesem Sinne ein Nachtalbum. So eines wie vielleicht Pat Methenys „The Way Up“ oder das sphärische „Meddle“ von Pink Floyd. Man legt es ein, wenn es dämmert.
Man hat das Fenster offen, es ist Sommer und die vom betörenden Duft des Heus erfüllte laue Luft von außen, streift einem angenehm über die Haut. Entfernt hört man noch ein Paar Vögel ihr Tagwerk beenden, während man sich unter das Fenster auf die Couch legt, ansonsten ist es wohlig ruhig. Man hat das Licht aus, man fühlt wie sich die Welt entspannt am Ende dieses Tages; die Hektik hat sie hinter sich gelassen.
Mit „Exhumation“ beginnt die Reise ganz leise. Am Fuße eines Bergsattels (Anticline) weht ein verspielter Wind über einen betriebsamen Marktplatz – und eh man sich versieht, erreicht man eine karge Hochebene „Sadkah“. Harmonisch ist nicht viel passiert: Wohltemperierte Klangfläche, spartanisch breit und blaue Töne. Auch in eisiger Höhe „Icy Altitude“ verliert sich die Ruhe nicht. Kristallklar steht ein filigranes Eismassiv vor einem. Breakbeats, zunehmend verrückte Synthiesounds und arabisches Tonmaterial eröffnen bei „Friction“ einen neuen Blick auf diese Welt. Ein kurzes Aufbäumen ungezügelter Naturgewalt. Sanftes Mondlicht versöhnt einen schnell wieder mit der schroffen Felsenlandschaft. Etwas bewegter ist das ganze zwar, aber in dem Zeitverhältnis einer anderen Welt.
 Nach sieben Liedern erreicht man schließlich eine „grausame Höhe“ in harmonisch spannungsvollerer Umgebung. Es taucht wieder das um arabische Elemente erweiterte Tonmaterial auf und Dummer Audun Kleive darf endlich zeigen, dass er auch schneller kann, ebenso wie Eivind Aarset zum ersten Mal mehr beisteuert, als nur kleine Soundfriemeleien und seine Metalattitüde raushängen lässt. Mit vulkanischen Schlammströmen „Lahar“ endet die Reise nach ca. 45 Minuten schließlich so leise wie sie begonnen hat.
Ob man sie nochmals machen würde? Wenn man Zeit hat vielleicht. Sie war doch etwas eintönig. Man könnte fast sagen, dass Molvaers Ton einen einlullt. Keines Falls können die Kompositionen gegenüber Miles Davisens Meisterwerken standhalten. Geradezu innovationslos ist das, was da passiert. Das Bisschen ausgelutschter elektronischer Klangfläche kann ebenfalls nicht den Anspruch erheben, den Jazz neu erfunden zu haben und Virtuosität? Vielleicht in Bezug auf den Umgang mit den Reglern des Studioequipments. Revolutionär und neu ist wirklich nichts an diesem Album. In dieser Hinsicht ist es einfach lahm; Allerwelts–„Miles ist mein Vorbild“–Zeug. Keine Spur von der Kraft der Erneuerung, der Virtuosität und kompositorischen Raffinesse, wie sie Esbjörn hatte. Aber der war ja auch Pianist.
Braucht das Album diese Innovation aber? Hat es diesen Anspruch? Nein. Es ist schön wie es ist, sehr schön.
Sven Schuhmann
Bewertung:  Highlights: Anticline, Cruel altitude Lowlights: Soft Moon Shine
Tracklist: 01. Exhumation 02. Sabkah 03. Icy Altitude 04. Friction 05. Monocline 06. Soft Moon Shine 07. Monocline Revisited 08. Cruel Altitude 09. Lahar 10. Anticline
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.nilspettermolvaer.info Myspace: http://www.myspace.com/nilspettermolvaer
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