 Mit "Wolfgang Amadeus Phoenix" erschien am 25. Mai das nun mehr vierte Studioalbum von Phoenix, die ihren Fans damit eineinhalb Jahre nach „It's Never Been Like That“ nicht nur die perfekte Sommerplatte, sondern eine der Platten des Jahres beschert haben. Grund genug, dem Quartett um Thomas Mars mehr als die gewöhnliche Lobeshymne auf „Everything is Everything“ zu widmen.
„Wolfgang Amadeus Phoenix“ hören ist ein bisschen wie Film gucken. Im Idealfall natürlich einen von Sophia Coppola, mit der Phoenix-Sänger Thomas Mars bekanntlich ja eine gemeinsame Tochter hat. Eineinhalb Jahre haben die Franzosen an der Platte geschraubt, die den gelungenen Spagat zwischen den Stilen und Stimmungen liefert, den Coppola mit Marie Antoinette, ihrer Hommage an die Modesünden und Musikhöhepunkte der 80er Jahre, schon 2006 filmisch umgesetzt hatte.
Es ist wahrscheinlich normal, dass Mars und Coppola sich in ihren Vorgehensweisen überschneiden: „Wolfgang Amadeus Phoenix“ wartet wie Marie Antoinette mit historisch-ernstem Titel auf, entführt dann aber doch ins Romantisch-Poppige, dass für jeden ein Leckerbissen bietet. Auch wenn die neue Platte in Paris unter Phillippe Zdar (Cassius) produziert wurde, ist der Versailles-Einfluss nicht von der Hand zu weisen: big sun hier, Sonnenuntergang und -aufgang dort und immer dieses Gefühl von grenzenlosen Freiheit in den Sounds, einem Sonnenkönig angemessen.
 Das Album ist wie Kopfkino, weil es ständig den Drang schürt, hinaus zu gehen in die Natur, Gräser und Sonne zu fühlen, die Welt in sich aufzusaugen. Die Band hat es geschafft, so viel Sommerkonzentrat in nur knapp 40 Minuten Spielzeit zu pressen, dass „Wolfgang Amadeus Phoenix“ zeitweise wie ein einziges langes Stück Urlaub mit Fahrtwind im Haar erscheint.
Zugegeben, Schätze der Vorgängeralben wie „If I Ever Feel Better“ oder das arschcoole „If It’s Not With You“ – wenn das nicht die Quintessenz des R’n’B ist, was dann? – sucht man auf „Wolfgang Amadeus Phoenix“ vergebens. Stattdessen dröhnen die Gitarren, wie beim aufputschenden „1901“, und lässt der Bass die Ohren schlackern. Tatsächlich fallen vor allem die stimmigen Gitarrenriffs auf, vor allem bei den beiden melancholischen Höhepunkten „Lasso“ und „Armistice“.
Schon nach dem ersten Hören von „Lisztomania“, dem Opener und der ersten Single aus „Wolfgang Amadeus Phoenix“, kann man nicht anders, als mit Händen und Füßen zu schnipsen und wippen. Einzig’ logische Konsequenz des knackigen Sommerhits ist das Musikvideo, von einer Gruppe videobegabter Fans gedreht, das es bei YouTube zu sehen gibt: die schlecht frisierten Damen und Herren in unförmigen Pullis und weißen Turnschuhen klatschen eifrig mit und krönen den Song so zum perfekten 80s Wannabe – und das 25 Jahre nach Kevin Bacons Tanzmarathon in Footloose. Womit wir wieder bei Sophia Coppola wären: Erinnert der Stampf-Beat von „Lisztomania“ im Mittelteil nicht sehr an „Kings of the wild Frontier“ von Adam and the Ants, das auch auf dem Marie Antoinette Soundtrack drauf ist? Das kaschieren auch nicht die trällernden Flöten und Thomas Mars’ Gesang.
Totalausfälle gibt es auf „Wolfgang Amadeus Phoenix“ keine, stattdessen fügen sich angenehme Popnummern aneinander, die mit „Du bist besonders toll“-Wertungen kaum von einander abzustufen sind. Wenn man denn meckern könnte, dann vielleicht beim etwas einfallsloseren „Fences“.
Herzstück und Überraschung der Platte ist hingegen das fast acht Minuten lange „Love like a sunset“, wegen der Länge in Part 1 und Part 2 aufgeteilt. Zu Beginn ist es Minimal, später kommen rohe Instrumentalmelodien hinzu, die man so gut eigentlich nur von Nine Inch Nails kennt. Schön ist der Übergang von Stampfmelodie zum 80s Rhythmus à la „A Question Of Time“. Ohne Frage: Depeche Mode Fans würden gerne dazu ihren Dave tanzen sehen. Während alle anderen Phoenix-Songs ohne den charakteristischen Gesang von Thomas Mars irgendwie unvollendet wären, kommt „Love like a sunset“ mit schlanken acht Zeilen aus, die im zweiten Teil des Songs anklingen.
 Trotzdem soll Mars’ Stimme nicht unerwähnt bleiben. Irgendwie rauer produziert und direkter erscheint sein Gesang im Vergleich zu den Vorgänger-Alben. Dasselbe gilt für seine Kollegen Mazzalai, Brancowitz und D’Arcy: die Band wagt den Schritt aus dem französisch-coolen Barsound, der zwar charmant aber manchmal überproduziert und kühl daherkam, zur Liveband ohne offensichtliche Post Production.
Mit „Wolfgang Amadeus Phoenix“ ist den allseits beliebten Franzosen eine super Sommerplatte gelungen, die ein wenig vom gewohnten Club- und Loungeterrain der älteren Alben abgeht und den Zuhörer ins Freie lockt – an die Sonne. Am besten mietet man sich einen alten Bus, stellt die Platte auf Repeat und lässt sich in Frankreich die Sonne auf den Bauch scheinen.
Ariane Olek
Bewertung:  Highlights: Love Like A Sunset, Girlfriend Lowlights: Fences
Tracklist: 1. Lisztomania 2. 1901 3. Fences 4. Love Like A Sunset (Pt. 1) 5. Love Like A Sunset (Pt. 2) 6. Lasso 7. Rome 8. Countdown 9. Girlfriend 10. Armistice
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.wearephoenix.com/ Myspace: http://www.myspace.com/wearephoenix
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