Der NME liebt sie, der Rolling Stone lässt selten ein gutes Haar an ihnen. Nach dem 2005 erschienenen Debüt „Kasabian“ und dem ein Jahr später veröffentlichten „Empire“ sind die Diskussionen noch immer hitzig, wenn es um die musikalische Qualität der Briten von Kasabian geht. Auf dem „schwierigen dritten Album“ ist alles anders – weniger übertriebene Soundwände, eingängige Grooves von Anfang bis Ende und ein klares Konzept stehen im Vordergrund. Und richtig verwegen ist „West Ryder Lunatic Pauper Asylum“ dennoch.
Und das muss auch Bandgitarrist und kreativer Kopf Sergio Pizzorno wissen, der sich beim Gespräch über sein neues Album allem Anschein nach am liebsten überschlagen würde. „Ein Fausthieb in den Magen. Eine Kugel direkt zwischen die Augen. Wenn Rock‘n‘Roll-Songs wirklich jemandem ins Gesicht spucken können, haben wir es damit geschafft!“ So redet jemand, der entweder total größenwahnsinnig ist oder sehr wohl weiß, dass er etwas Großes geschaffen hat.
Eben jene Zeilen gelten dem Titel „Fast Fuse“, der es als Preview bereits 2007 im NME zum „Song of the Week“ geschafft hat und noch immer nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Zwischen all den Liedern, die in ihrer Gesamtheit nach aus der Spur geratenen 70er Jahre Grindhouse Nummern klingen (Tarantino wird seinen Spaß am Album haben), in denen Männer mit erschreckend großen Pornoschnauzbärten für schockierende Momente sorgen, reiht sich eben jenes „Fast Fuse“ in die Liste der tanzbareren ein.
 Der Opener „Underdog“ schlägt in dieselbe Kerbe und ist einer der besten Albumeröffnungen der letzten Zeit. Kill me if you dare /Hold my head up everywhere /Keep myself right on this train -Gefangene werden hier nicht gemacht. Und wie wunderbar simpel aber effektiv ist es, wenn Meighan über Robe und Dolch singt, während die Musik kurz den Atem anhält, nur um dann wieder ohne Rast weiter zu grooven.
„Es geht um Menschen, die an einen anderen Ort fliehen, indem sie Drogen nehmen. Es ist ein gegenteiliger Ort - da wo Bettler zu Prinzen werden können“, sagt Bandgitarrist Sergio Pizzorno. Den Namen des Albums hat die Band dann auch von der passenden Institution aus dem englischen Wakefield entliehen. Das Haus war im 19. Jahrhundert eine Anstalt für geistig Angeschlagene. Deren
Zugegeben – musikalisch orientieren sich Kasabian an allem, was nicht bei Drei auf den Bäumen war. New Order, Beastie Boys, Morricone – you name it! Aber wen stört das schon, wenn dabei so grandiose Songs wie das gestörte „Vlad the Impaler“ („get lose, get lose“ muss hier gar nicht so oft wiederholt werden – passiert ganz automatisch!), die hypnotische 60er Reminiszenz „Secret Alphabets“ oder die Mitsingnummer „Take Aim“ heraus springen?
Zu verdanken haben Kasabian die fertige Version des Albums Dan the Automator, der bereits für das Gorillaz Debüt „Gorillaz“ verantwortlich zeichnete. „Wir hatten die Arbeit beendet und das Album war bereit zur Veröffentlichung“, sagt Sergio. „Ich hatte es produziert und das Label hätte es, so wie es war, rausgebracht. Aber ich ging noch einmal einen Schritt zurück und dachte, es sei besser, das Album noch jemandem vorzuspielen. Also fragte ich Dan The Automator (auch bekannt als HipHop-Legende Dan Nakamura), ob er wohl Interesse daran hätte, es zu überarbeiten. Für mich war ‚Entroducing‘ von DJ Shadow eine grandiose Platte, also wusste ich, dass ich seiner Meinung vertrauen konnte.“
Dieser musste dann wohl die für Kasabian typischen Klangwände einer Schlankheitskur unterzogen haben und „West Ryder“ zu der pointierten Scheibe gemacht haben, die sie am Ende geworden ist. Das Teil zieht sofort in seinen Bann und lässt so schnell nicht mehr los. Seien es die verschiedenen Charaktere, die hier ihr Innerstes nach außen kehren oder die unglaublich eingängigen und tanzbaren Tracks an sich – dem Album mag das letzte Bisschen „Wumms“ fehlen, um sich durchzusetzen, doch ist es gerade der Mut zum für Kasabian schon minimalistischen Auftritt einiger Songs, dem man nicht überdrüssig wird.
Viele werden es der Band nicht zugestehen wollen, doch „West Ryder“ gehört zu den bisher hörenswertesten und interessantesten Alben des Jahres, das auf jeden Fall auch am Stück gehört werden sollte, um die komplette Wirkung des Trips genießen zu können.
Thomas Henz
Bewertung: Highlights: Underdog, Vlad the Impaler, Where did all the Love go?, Fast Fuse, Take Aim, Secret Alphabets Lowlights: -
Tracklist: 1. Underdog 2. Where Did All The Love Go? 3. Swarfiga 4. Fast Fuse 5. Take Aim 6. Thick As Thieves 7. West Ryder Silver Bullet 8. Vlad The Impaler 9. Ladies And Gentlemen (Roll The Dice) 10. Secret Alphabets 11. Fire 12. Happiness
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.kasabian.de Myspace: http://www.myspace.com/kasabian
- Artikel bei Amazon bestellen
- Artikel bei Amazon MP3 herunterladen
- CD bei Musicload kaufen
|