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Ohne Frage ist Tori Amos eine der kreativsten, eine der eigenwilligsten und eine der besten Solokünstlerinnen unserer Zeit – und das seit gut 17 Jahren. Nach zwei eher durchschnittlichen Alben wirft die Grand Dame des alternativen Pop nun ihre Konzepte über Bord und ist wieder ganz die autobiographische und Geschichten erzählende Künstlerin, die man in den 90ern kennen und lieben gelernt hat. Wenn auch mit Längen.
Alben von Tori Amos sind wie tausendseitige Romane. Sie sind ohne Rücksicht auf die Vergesslichkeit des durchschnittlichen Hörers voll mit interessanten Charakteren, Nebenhandlungen und Gedankensträngen, die man beim ersten Hören nicht zwingend nachvollziehen kann („Singt sie das jetzt über sich oder geht es um jemand anderes?“). Und es mag vorkommen, dass man irgendwo im Monolog abschweift. Der kreative Output, dem Tori Amos auf all ihren Alben freien Lauf lässt, macht auch bei „Abnormally attracted to Sin“ keinen Halt vor Längen oder der Gefahr den Hörer mitten auf dem Weg zur letzten Sekunde abzuhängen. Doch was wäre eine LP der Amerikanerin ohne dieses Gefühl, dass die Musik und ihre Handlung einem auch nach fünfmaligem Durchhören noch überlegen sind. Der Kampf mit jedem einzelnen Titel und der Verschiedenartigkeit eines jeden auf der Platte macht nach „The Beekeeper“ und „American Doll Posse“ wieder mehr Spaß. Bereits der Opener „Give“, eine Gänsehaut verursachende Trip Hop Nummer, die wir zuletzt in Form von „Bliss“ auf „To Venus and Back“ gehört haben, lässt vermuten, dass die – wenn man das so sagen kann – „alte“ Tori Amos wieder am Klavier sitzt. Und es ist genau das Klavier, das neben allen elektronischen Spielereien natürlich noch immer die Hauptrolle in den Songs spielt. „Flavor“ kommt zwar als einer der am schlichtesten arrangierten Titel des Albums daher, zieht mit seinem Appell „You must pick a side / Will you choose fear / Will you choose love“ allerdings nicht nur musikalisch in seinen Bann. „What does it look like / This orbital ball / from the fringes of the milky way” – zusammen mit dem feinfühligen Vortrag der Sängerin wird die eigene Vorstellungskraft hier auf Reisen in weit entfernte Galaxien entführt. Das Album selbst lebt von der schwankenden Stimmung, die es vermittelt. Zwischen düster anmutenden, mit tragenden Synthie-Flächen versehenen Titeln erblühen immer wieder klassische Amos-Nummern wie „Welcome to England“ oder „Maybe California“. Letzter Song erinnert – wären da nicht die nicht gerade zimperlich eingesetzten Streicherarrangements - an „Jackie’s Strength“ oder „Bells for her“ und lässt die Finger wieder gen Plattenschrank wandern, um gleich noch „Choirgirl Hotel“ zurück ins Gedächtnis zu rufen. Irgendwo zwischen „Curtain Call“ und „Police me“ hängt das Album den Hörer allerdings zum ersten Mal ab, was nicht zuletzt an der Mittelmäßigkeit der gebotenen Musik liegt. Inhaltlich dennoch interessant, fällt man einige Schritte zurück und wird man mit „That Guy“ und spätestens „500 Miles“ wieder heran gelassen. Die Schwere der vorangegangenen Minuten scheint vorüber gezogen und es darf wieder in kristallklar gesungenen Worten geschwelgt werden. „Ophelia“ mag man in dieser Art auch schon zehn Mal gehört haben, doch genau solche Songs sind es, auf die man sich mit jeder neuen Platte Amos‘ freut. Und wenn dann mit „Lady in Blue“ ein siebenminütiges, zunächst leises und dann stampfendes Opus vor sich hin schreitet, versöhnt man sich augenzwinkernd mit der Sängerin und möchte Danke sagen für so viel Kreativität, die sie einmal mehr so offenherzig zu teilen weiß.
Thomas Henz
Bewertung: Highlights: Flavor, Give, 500 Miles, Maybe California, Fast Horse, Ophelia Lowlights: Curtain Call, Starling Tracklist: 1. Give 2. Welcome to England 3. Strong Black Vine 4. Flavor 5. Not Dying Today 6. Maybe California 7. Curtain Call 8. Fire to Your Plain 9. Police Me 10. That Guy 11. Abnormally Attracted to Sin 12. 500 Miles 13. Mary Jane 14. Starling 15. Fast Horse 16. Ophelia 17. Lady in Blue Das Album kann dieses Wochenende auf der myspace Seite komplett angehört werden!
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.toriamos.com Myspace: http://www.myspace.com/toriamos
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