 Freitagabend. München. Eine Stadt in Aufruhr. Nichts geht mehr. Keine U- und keine S-Bahn. Die Taxis sind überfordert von den pilgernden Massen. Werden die Fans es jemals schaffen? Wird das Zenith leer bleiben? Was wird aus Noel und Liam? Mehr spannungsgeladene Details über die Macken alteingesessener Rock`n`Roll Stars und das Streiken von öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn es um Leben und Tod geht.
Ein greller Lichtkegel, der sich zu einer großen Wolke aufbläht und sich schließlich in einer gleißenden Explosion entlädt. Vom Band läuft das musikalische Intro, das unserem Protagonisten zur Bühne Spalier steht. Liam Gallagher, von Beruf omnipräsenter arroganter Superirgendetwas und Sänger, entert die Bühne, gewohnt lässig, gewohnt über allem schwebend. Tausende Menschen jubeln ihm zu, werfen die Hände in die Höhe und den Union Jack durch die Gegend, während der Opener „Rock`n`Roll Star“ von der Bühne dröhnt. Die erste Hürde ist geschafft, das Publikum blickt gefesselt zur Bühne, aber irgendetwas fehlt. Und dabei hatte alles so spannend angefangen.
Kapitel 1: Eher streikt die MVG
Viele Oasis-Jünger, die zum Ort des Geschehens mit den öffentlichen Verkehrsmitteln pilgern wollten, sahen sich vor einer Katastrophe. Keine U- und keine S-Bahn fuhr mehr - und das ausgerechnet heute! Bestimmt eine Radioheadverschwörung! Im Radio witzelte man nämlich bereits über leere Konzerthallen in München und glückliche Taxifahrer, die ohne Zweifel die Stars des Tages werden sollten. Komischerweise fanden sich dann doch pünktlich zum Start der Vorband Pi mal Daumen eine Trilliarde Britpop-Fans in der Lilienthalallee 29 ein: Der wulstige Musikkasten mit der zum Töten furchtbaren Akustik, das Zenith. Habt ihr es also nur gut gemeint Radiohead? Die MVG hat es zumindest versucht. Doch vom Britpopthron steigen Oasis so schnell nicht herab. Da hilft auch kein Streik der MVG.
 Kapitel 2: Düsseldorf guckt neidisch nach München
Tja so ist das. Beiden Städten wurde zwar die große Ehre zu Teil, dass Oasis hier ein exklusives Konzert gaben, ohne Zwischenfälle und ohne Knast. Doch ätsch Düsseldorf, bei uns in München hieß der Support Glasvegas und nicht Everlaunch. „Die musikalische Hoffnung 2009“, wie der Musikexpress freizügig mit Titeln um sich warf, also nehmt euch in Acht Oasis! Aber die damit erhoffte unglaubliche Liveerfahrung, blieb auf der Strecke. Glasvegas waren keineswegs glitzernd, schillerndes Las Vegas, sondern durchsichtig und unspektakulär. Einfach nicht der Rede wert. Der Sound war erschreckend, wozu die zenithsche Architektur natürlich auch ihren Teil beitrug. Nach den ersten Tönen merkte man bereits, dass Schottland England nicht das Wasser reichen kann. Es wird also keine schottischen Umsturzpläne auf dem Britpopthron geben. Es gab ja nicht mal einen Merchandisestand. Der Grund, warum man die vier von Glasvegas heute schon als neues Hauptaugenmerk der Alternativ-Szene feiert, könnte auch einfach der sein, dass Oasis den Schuh schon schön ausgelatscht hat. Denn ganz ehrlich. „Wonderwall“ hat uns diesen Freitag eher angenervt, als vom Hocker gerissen. Dazu kommt dann noch, dass in einen ausgelatschten Schuh, doch jeder Fuß passt.
Kapitel 3: Erhörte Gebete
Aber nun zum „Hauptact“ des Abends. Sie schaffen es immer noch, die postpubertären Raufbolde von Oasis. Das Zenith ausverkauft, eine vermeintlich gute Vorband im Gepäck, eine spitzenklasse Lightshow und natürlich die Hymnen, bei denen kein Auge trocken bleibt.
Doch das alleine reicht nicht mehr. Die Songs einfach runtergelallt, das Publikum animiert sich sowieso von allein. Insgesamt kam man auf ungefähr 1,5 Stunden Spielzeit. Die Zugaben die Gleichen, wie in Düsseldorf. Das Publikum darf „Don`t look back in anger“, das in akustischer Version vorgerotzt wurde, nachgrölen. Ein Oasiskonzert ist mittlerweile wie ehelicher Sex. Schema F und ohne sich festhaftende Höhepunkte. Ob die Jungs überhaupt wussten, dass sie in München waren? Niemand will behaupten, dass es keine Bühnenshow gab, doch wirkte diese eingefahren. Natürlich erwartet man bei einer Band mit so vielen Hits und so viel Erfahrung einen einwandfreien Sound, keine schiefen Töne und keine technischen Patzer. So war es auch. Alles sauber, alles super. Das obligatorische Ziehen der Gitarrensaiten von A- nach B-Stadt auf Seiten Noels und der personifizierte Gesangsvokal Liam. Doch das I-Tüpfelchen war im Kartenpreis nicht enthalten. Es war ein steriles Konzert unter OP-Bedingungen. Doch für die meisten Fans spielte das keine Rolle. Liams Arroganz ist nicht unbegründet. Doch liegt es am Fan, diese Band nicht als erhörte Gebete zu preisen, sondern Ansprüche zu stellen. Nur dann wird sich ein Künstler weiterhin die Mühe geben, sein Publikum zu begeistern.
 Kapitel 4: So weit so gut
Aber natürlich ist man auch als harter Kritiker vor emotionalen Ausbrüchen, die Musik in einem auslösen kann, nicht geschützt. Oasis haben nur eine handvoll Songs aus „Dig out your Soul“ zum Besten gegeben. Eine wirklich gute Entscheidung, ist das neue Album doch nicht ganz so livetauglich. Und so funktionierten die alten Kassenschlager wie „Morning Glory“ oder „Supersonic“ immer noch am Besten. Der Hymnencharakter von Oasis Songs kommt bei Konzerten einfach besser, als schnöde heruntergeleiertes „Wonderwall“. Als dieser Song gespielt wurde, nahm es der eingefleischte Fan der Band fast übel. Sie hätten sich ihn wirklich schenken können. Da konnte „Liam’s future ex wife“ (ein gut gemeinter Scherz am Rande), eine für zwei Songs angeheuerte Pianistin, auch nicht mehr viel rausreißen.
Es war ein gutes Konzert, mit einer guten Stimmung für den eingefleischten Oasisfan aber der Funke sprang nicht über. So kam es, dass man bei der offiziellen Aftershow-Party im 59 to 1, die Lokalität, trotz freiem Eintritt mit Oasisticket, nach fünf Minuten wieder verließ, weil auf einer Oasis Aftershow Party Oasis gespielt wurde. Welch Ironie, ob dieses Konzert noch weitere Spätfolgen auslösen wird?
Verfasst von Nadine Lorenz
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