Metallica? Hell yeah! Ihr langer Weg vom Thrashkrieg der 80er hinüber in die 90er mit einem rockigen „Load“ bis hin ins Jahr 2003, in dem ein verschlammtes, dreckiges Etwas namens „St. Anger“ das Licht der Welt erblickte, scheint sich in „Death Magnetic“ zu kulminieren und hämmert mit jenem messerscharfe Attacken aus den geschundenen Boxen. Frauen und Kinder zuerst! Eine Abrissbirne wie aus dem Bilderbuch.
„Death Magnetic“ ist eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Das Teil geht voll an die Decke. Und man ist verleitet zu sagen, dass nach über einem Jahrzehnt mit Bob Rock als Produzenten nun Rick Rubin alles in die Studiozauberkiste wirft, was Metallica bisher abgeliefert haben, die Zauberregler wie von Geisterhand bewegt und so lange jeden Track einzeln aus dem Kasten zieht, bis alle Beteiligten entkräftet zusammenbrechen. Wie sollen die Mittvierziger das eigentlich jeden Abend durchhalten? Krankenhäuser und Psychatrien werden überfüllt sein mit Kids, die das Album bei Guitar Hero mitspielen wollen und entweder mit gebrochenen Fingern oder geistesgestört eingeliefert werden.
 Und, Junge, wie das schiebt, wenn man gerade erst begriffen hat, dass nach dem Opener „That was just your life“ keine Gefangenen gemacht werden und dann in „The end of the line“ ab etwa Minute 4 eines von vielen hirnzermarternden Soli einsetzt, nur um dann unerwartet Hetfields Predigt zu unruhigen Snares und psychedelischen clean guitar Arpeggien einzuspielen und am Ende doch wieder mitten in die gerade mal entspannte Magengrube geschlagen wird. Soli? Jawoll, und wir sprechen hier nicht von einem pro Song. Hier wird mächtig gekocht.
Etwa, wenn „The day that never comes“ trügerisch ruhig beginnt, nur um dann in einem Gewitter aus Soli zu explodieren. Wenn „All nightmare long“ die Puppen wieder sprechen lässt, die Rythmusgitarre fast schon über sich selbst stolpert, bietet der 8-Minüter doch einen der mitgröhlfreundlichsten Refrains des Albums. Da kommt Gänsehaut auf. Und auch das, ähem, Solo setzt dem Ganzen wieder mal die Krone auf. Gerade weil Metallica sich weitgehend von der klassischen Vers-Chorus-Vers-Disziplin verabschieden, lauert hinter jeder Ecke die nächste Katharsis. Da segnet die Oma im Erdgeschoss freiwillig das Zeitliche.
 Apropos 8 Minuten: Auf „Death Magnetic“ wird nicht gespart mit Überlängen. Der kürzeste Song ist mit 5 Minuten „My Apocalypse“, der längste schlägt mit knapp 10 zu buche und ist dann auch noch ein Instrumentaltrack – seit „Justice“ der erste und ein Brecher allerersten Grades. Lediglich Ulrich hätte hier noch mehr zum Zug kommen können. Langweilig (was hat das Wort hier eigentlich zu suchen?) wird’s indes nie. Und mit 67 Minuten Gesamtlänge verlangen Metallica dem Hörer alles ab. Vergessen ist der mit „St. Anger“ missglückte Versuch eine rohe, ungeschliffene Version der Band zu kreieren. „Death Magnetic“ ist poliert, mächtig und kombiniert Melodik mit den Ursprüngen der Band.
Über Hetfields Texte kann man sich den Kopf zerbrechen, muss man aber nicht. Denn die sind weitgehend zweitrangig und gehören auch nicht zu seinen Besten. Reichlich Tod, Selbstmord, blinde Menschen in Rennwägen etc. pp. - aber wen stört das?
Und wenn mit „My Apocalypse“, ein kurzer, tödlicher Thrasher das Ende besiegelt und man mit den Zeilen „spit it out“, gefolgt von einem knapp eingespielten Rennwagen, der mitten durch’s Hirn fährt, mit feuchten Augen zurück gelassen wird, wird klar: Besser können Metallica dieser Tage nicht klingen.
Thomas Henz
Bewertung: Highlights: That was just your life, The end of the line, The day that never comes, All nightmare long, Cyanide, The unforgiven III, Suicide & Redemption, My apocalypse Lowlights: -
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.metallica.com/ Myspace: http://www.myspace.com/metallica
Tracklist: 1. That Was Just Your Life 2. The End Of The Line 3. Broken, Beat & Scarred 4. The Day That Never Comes 5. All Nightmare Long 6. Cyanide 7. The Unforgiven III 8. The Judas Kiss 9. Suicide & Redemption 10. My Apocalypse
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