 Den Titel ihrer Debüt-LP scheinen die Ting Tings mit unschuldig abwehrender Geste in weiser Voraussicht und im Wissen um den potentiellen Hype um ihr 2-Mann- bzw. 1-Mann-1-Frau-Projekt gewählt zu haben. Denn seitdem die beiden Briten als Duo ihre erste Single wie geschnitten Brot verkauften und sich der stampfende, aber nie ausufernd chaotisch klingende Elektro-Pop in die Hirne der nordenglischen Discogänger gebrannt hat, gibt es kein Entkommen mehr – auch nicht hier zu Lande.
Die beiden Protagonisten der Ting Tings, namentlich Katie White und Jules de Martino, wirken auf den ersten Blick wie Vanilleeis und Rhabarberkompott. Einzeln verzehrt gut aber schon oft genug gehabt, zusammen allerdings selten aufgetischt und gleich um zig Nuancen interessanter. Welcher der beiden Briten welche Zutat darstellt, sei den Neigungen des Lesers überlassen, Fakt ist allerdings, dass man die Mischung auf jeden Fall einmal ausprobiert haben sollte, um sich von der feisten Zusammensetzung überzeugen zu lassen.
Wie kriegt man jetzt die Kurve zu den Fakten? Wir geben uns an dieser Stelle keine Mühe, sondern werfen einfach mal ein paar Brocken (Vanilleeis?) über den Zaun: Katie White wohnt in der kleinen, englischen Stadt Wigan am Rande von Manchester , treibt in den 90ern in einer Girlgroup ihr Unwesen („so etwas war, was man Mitte der 90er doch gemacht hat, oder?!“) und lässt sich in ihrer vermeintlich punkigen Art von niemandem beeindrucken. Sie hängt rum (in der Schule und auf der Straße), protestiert mal hier und mal da und ist – wenn’s nicht so gewesen sein sollte bitten wir um Verzeihung, könnten es aber dann auch nicht glauben – umringt von Kerlen.
 Nach frustrierendem Intermezzo als dreiköpfige „Dear Eskiimo“ mit zusätzlichem DJ begründete Katie dann zusammen mit ihrem Gegenpol, dem aus dem Osten Londons stammenden Jules de Martino, der mit seinem wohl gestylten Dreitagebart, dem feschen Kurzhaarschnitt und der als letzten Schliff zur Coolness nötigen Kantigkeit im Gesicht so gar nicht zum Nordenglischen Derwisch White passen will, die Ting Tings. Und es sollte nicht lange dauern, dass sich der durch die Künstlergruppe Islington Mill geprägte Mix aus alternativem Musikgeschmack und der nötigen Pop-Attitüde zu einer Platte formierte und am 30.5. nun das Licht der Welt erblickt.
Da haben wir als Hörer ja noch einmal Glück gehabt, denn hätte man nach Dear Eskiimo aufgegeben und hätten sie vielleicht nicht auf der „BBC-Introducing“ Bühne des letztjährigen Glastonbury Festivals gespielt, wären uns hübsch flotte Tanznummern wie „That’s not my name“, „We started nothing“ oder „Fruit Machine“ ausgeblieben. Jene Titel, die ihren pochenden Rhythmus paaren mit der gerade noch nötigen Prise E-Gitarren und den feist eingesetzten Synthies, bilden den stilistischen Kern des Debüts und lassen am ehesten erahnen was Frontfrau White auf der Bühne abfackelt.
 Vergleichbar mit den Ting Tings sind in der aktuell sehr angesagten Electro-Pop-Welle die brasilianischen CSS, die französischen Dead Sexy Inc. und vielleicht auch Gossip. White und de Martino sind allerdings eine ganze Ecke geradliniger und bieten neben eingängigen Songs und nur ganz leicht provokanter Pose im Kern ordentlich tanzbare, aber auch leichter verdaubare Musik.
Witzigerweise versteckt sich mitten zwischen all den Hüpfnummern hinter „Traffic Light“ der direkte ¾-Takt Gegenentwurf zum sonst durchgängig bedienten Disco-Punk und verhilft der guten, aber nichts neu erfindenden Platte (will sie vermutlich auch gar nicht) zum Sahnehäubchen. Das Teil sollte nicht nur auf Platte für gespannte Lauscher sorgen, sondern auch live für erstaunte Blicke sorgen. Nicht nur, weil Sängerin Katie White wirklich gut singen kann und hier verdammt süß daher kommt.
Weil da auf jeden Fall noch mehr geht, gibt’s eine wohl verdient gute Bewertung – die nächste Platte dann bitte mit richtigen Hymnen und dann wird der Allerwerteste abgerockt.
Bewertung: Highlights: That’s not my name, Fruit Machine, Traffic Light, Shut up and let me go Lowlights: Impacilla Carpisung
VÖ 30.5.
Weiteres Material: Webseite: http://www.thetingtings.com Reinhören: http://www.myspace.com/thetingtings
Tracklist: 1. Great DJ 2. That’s not my name 3. Fruit Machine 4. Traffic Light 5. Shut up and let me go 6. Keep your head 7. Be the one 8. We walk 9. Impacilla Carpisung 10. We started nothing
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