Es ist nicht einfach über eine Künstlerin oder einen Künstler zu schreiben, der schon so alteingesessen und erfahren ist wie Patti Smith. Dabei gäbe es doch viel zu erzählen – aus der Historie der US-Songwriterin und Sängerin, von vielen guten Alben und famosen Songs. Doch wenn die Künstlerin hierzulande doch recht unbekannt ist und damit auch dem Autor bisher verschlossen blieb, lohnt sich ein Blick gerade dann, wenn man zufällig das neue Album „Twelve“ in die Hand bekommt und urplötzlich Lust bekommt, Patti Smiths eigene Musik näher kennen zu lernen.
Angekündigt als das neue Album einer „legendären und grandiosen Songwriterin“ lässt man sich als interessierter Musikliebhaber gerne überraschen und greift zu, wenn sich die Gelegenheit bietet. „Twelve“ in der Hand, CD raus aus der Hülle, hinein in den CD-Player - was mag einen erwarten? Countrylastige Gitarrenmusik? Halbverzerrte Gitarren mit Tendenz zur Rockmusik oder durch Blues beeinflusstes Liedgut? Eine legendäre US-Songwriterin ist bestimmt für einige Überraschungen gut. Die Rückseite des Albums verspricht Coverversionen unter anderem von Jimi Hendrix, Bob Dylan und Nirvana. Kriechend, sporadisch untermalt von einem schnurrenden Bass, tröpfelt eine Gitarre halbverzerrt aus den Lautsprechern. Gut, denkt man sich, es wird dann doch eines dieser verschwitzen, bluesdurchsetzten Alben, die – hm – Eindruck dahin, als Patti Smiths Gesang und kurz darauf das Schlagzeug einsetzt. Klingt irgendwie lässig. Auf einmal ist es doch eher diese verrauchte, langsame Rocknummer, die „Are you experienced“ (Hendrix) an einen Besuch in einer dreckigen Bar im tiefsten, provinziellen Amerika erinnert – natürlich weniger aus der Realität als aus dutzenden Roadmovies, die man sich nachts alleine vor der Flimmerkiste angesehen hat.
 Von schönen Balladen wie „Helpless“ (Neil Young) bis zu rauen Stücken wie „Gimme Shelter“ (Rolling Stones) – jeder Song ist Patti Smith oder besser gesagt ihre Interpretation der Stücke. Abwechslungsreich, unverwechselbar und vor allem echt kommt es daher, dieses Album „Twelve“. Es bietet unverfälschte Gitarrenmusik, geprägt von Country, Folk und solidem Rock’n’Roll (so falsch also zu Beginn gar nicht geraten), garniert mit der Stimme einer grandiosen Sängerin. Und irgendwann im Laufe der Platte ist es dann soweit – es erklingt die Coverversion von „Smells like teen spirit“. Zugegeben, es ist ein oberflächlicher persönlicher Höhepunkt, weil man diesen Song einfach gut kennt und wissen möchte, was eine Patti Smith damit macht.
Und als es beginnt, findet man sich in einem kleinen verschlafenen Nest wieder, die Sonne brennt auf uns herab, Fliegen streifen die verschwitze Stirn, ein einsamer, unrasierter Banjospieler im Rot kartierten Hemd zupft auf einer Veranda in seinem Schaukelstuhl das bekannte Riff. Zahnlos grinst er den Hörer an, während Patti Smith scheinbar an jeder Ecke der alten, verranzten Häuser steht und uns verheißungsvoll ihre Interpretation des Klassikers entgegen wirft. Widerlich gut.
 Jedem Liebhaber purer, echter Gitarrenmusik, sei „Twelve“ empfohlen. Man verzeihe mir, wenn ich dieses Klischee noch einmal ausgrabe, aber falls ich mir Patti Smith irgendwann live anschauen kann, dann hoffentlich in einer dieser Bars, in der fettleibige Trucker ihre Lippen leckend Thelma und Luise hinterher schauen und verzweifelte Väter ihren Frust hinunterspülen.
Bewertung:  Webseite: http://www.pattismith.net Highlights: Within you without you, Helpless, White Rabbit, Smells like teen spirit Lowlights: Everybody wants to rule the world
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