 Lügen, Missverständnisse, Erwartungen, Enttäuschungen, Eifersucht, Rache und Blindheit sind nur einige aufzuzählende Attribute, die Florence Welch von Florence + The Machine in ihrem Debütalbum „Lungs“ metaphorisch präsentiert. Um nicht zu sagen orkanisiert, denn von dem Stimmvolumen der jungen Londonerin können sich so manche Kates, Katys, Natashas oder Lillys noch etwas abgucken.
Keine andere Frau bringt derzeit so emphatisch und energisch eigens geschriebene Liebes- ,und noch besser, Hasslieder auf den internationalen Pop-Markt. Dabei lebt sie doch eigentlich in einer glücklichen Beziehung, ist sowieso der totale Familienmensch und vermisst eben diese nichts sehnlicher, wenn sie durch die Länder tourt. Von sich selbst sagt sie, ein Extrem zu sein. Entweder hochmotiviert, überglücklich und kreativ, oder am Boden zerstört, frustriert und schlecht gelaunt. Das Glück der Welt liegt ihr - zumindest im Moment - zu Füßen. Das beweist der kürzlich erhaltene Brit Award, der Plattenvertrag und natürlich der Hype, der Florence + The Machine auf die Bühnen Europas bringt.
Bereits zu Beginn des Albums wird schnell klar, dass es sich bei Florence um eine starke, toughe und vor allem lebhafte Frau handelt, die alle mit ihrer Stimme niedersingen könnte. Da bekommt das Wort „Stimmgewalt“ gleich eine neue Bedeutung, geht es doch im Verlauf des Albums immer wieder um Rache an der Liebhaberin des Freundes und am Freund selbst.
 „Dog Days Are Over“ beeindruckt dennoch entgegen aller jetzt entstandenen Annahmen über Misere und Leid der Florence Welch mit ganz viel Pathos und geradezu fröhlichen Melodien, preschenden Drums und der endlosen Energie der Sängerin. Mit dieser so gesehenen Leichtigkeit erinnert die Band glatt an die fünf Schwedinnen von „Those Dancing Days“, die ihre Songs ähnlich resolut angehen. „Rabbit Heart (Raise It Up)“ hingegen tendiert mit enthusiastischer Mehrstimmigkeit eher in Richtung Bat For Lashes und zieht weiter zum ebenso poppigen „Howl“, dem man die Verärgerung über betrügerische Ex-Freunde deutlich entnehmen darf.
„I’m Not Calling You A Liar“ scheint zunächst eher von ruhigerer Natur, trohnt dennoch bald wieder mit der bereits obligaten und hier besonders anklagenden Stimmenvarianz auf. Florence ist wütend auf ihren Partner, er hat sie betrogen, aber sie will ihn dennoch nicht verlassen, hat sogar Angst davor: „There’s a ghost in my lungs/ and it ties in my sleep/ wraps itself around my chest/ as it softly sleeps/ then it walks with my legs/ with my legs/ to fall at your feet“.
Weiter geht es mit der Singleauskopplung „Kiss With A Fist“, was kurz und schmerzhaft ist, also gerade richtig für den ultimativen Geschlechterkampf. „Girl With One Eye“ hingegen richtet sich an die verhasste Affäre des Freundes. Ruhig, aber bedrohlich ist hier anfangs noch das Motto der Florence, doch was einigermaßen lange währt, wird trotzdem nicht gut, denn so richtig beherrscht sein kann sie einfach nicht. So geht es Song für Song. Das macht aber nichts, denn manchmal muss man eben etwas lauter werden, um sich genügend Gehör zu verschaffen.
„Between Two Lungs“ ist mit Abstand die am interessantesten formulierte Liebeshymne des Albums, wird doch ein nebeneinander schlafendes Paar mit dem Fluss des Atems zwischen den Lungen unsichtbar miteinander verbunden. Es schlicht das „Band der Liebe“ zu nennen, wäre an dieser Stelle wohl vermessen und weitaus weniger poetisch. Schön auch, dass es ein The Source ft. Candi Staton-Cover von „You’ve Got The Love“ gibt, das unverschämterweise auch noch zehn Mal besser als das Original klingt und absolut Spaß macht zu hören.
Trotz ihrer sehr markanten Stimme gelingt es Florence nicht ganz, die experimentelle und teilweise folkige Art der „Machine“, also im Prinzip den Rest der Band, in den Hintergrund zu stellen. Mehr noch bildet sie ein zusätzliches Instrument, das wunderbar mit den anderen harmoniert. „Lungs“ ist eine Spielwiese vieler verschiedener Klangfarben und -formen und gerät durch den zauberhaften Einsatz sämtlicher Instrumente wie Klavier, Harfe, Percussions, Schellen oder Sythesizern zu einem 13 Songs langen Gesamtkunstwerk.
Julia Fischer
Bewertung:  Highlights: Kiss With A Fist, Howl, You’ve Got The Love Lowlights: I’m Not Calling You A Liar, My Boy Builds Coffins
Tracklist: 1. Dog Days Are Over 2. Rabbit Heart (Raise It Up) 3. I'm Not Calling You A Liar 4. Howl 5. Kiss With A Fist 6. Girl With One Eye 7. Drumming Song 8. Between Two Lungs 9. Cosmic Love 10. My Boy Builds Coffins 11. Hurricane Drunk 12. Blinding 13. You've Got The Love
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.florenceandthemachine.net/ Myspace: http://www.myspace.com/florenceandthemachinemusic
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