 Was ist eigentlich eine Plattenrezension und was qualifiziert einen Autor dazu über irgendjemandes Musik zu schreiben - und vor allem nach welchen Kriterien? Ist man damit Kritiker, der einer Allgemeinheit erklärt, was gut und schlecht ist, weil sie selbstständig dazu nicht in der Lage ist, und sich damit für zwei Tage einen Eintrag bei Google-News sichert, als der letzte Beschützer des heiligen Grals von „wahrem Geschmack“, wie Reich-Ranicki das gerne in Bezug auf Bücher für sich in Anspruch nimmt?
Nun kann man von sich behaupten Vieles über Musik zu wissen, aber dadurch ist das Dilemma ja nicht gelöst: die Beatles mit einem romantischen Tonsatz von Bruckner zu vergleichen wäre totaler Quatsch. Tatsächlich tat und tut sich die Musikwissenschaft schwer damit zu verstehen, was denn so viele Menschen an dieser „Unterhaltungsmusik“ fasziniert. Es ist auf jeden Fall mehr als das bloße harmonische Gerüst. Vielleicht der Sound? – Und von dem hat das Album „Years“ von Years, einem Projekt des jungen Kanadiers Ohad Benchetrit, sehr viel. Ohads Hauptinstrument ist neben der Gitarre, vor allem sein Home Studio in Toronto. Mit Audioengineering hat er sich schon auf der Secondary High auseinander gesetzt und im Anschluss in Studios gearbeitet. Nun bastelt er beengt zwischen Keyboards, alten Moog-Synthies und Mischpulten an seinem eigenen, sphärischen Sound.
Ist es nun die Aufgabe des Rezensenten zu bewerten, ob ihm das gelungen ist? Spätestens seit den 70er Jahren haben sich diese Fragen eigentlich erledigt. Mit dem Punk kamen Amateurzeitschriften von Fans für Fans auf, „Fanzines“ genannt, die ganz im Gegensatz zum bereits etablierten Rolling Stone Magazin, das ja im Prinzip auch nur eine Fanzeitschrift ist, szeneintern vor allem aus einer persönlichen Perspektive liebevoll über ihre Idole geschrieben haben und deren Bedeutung für das eigene Leben. Meistens war das neue Album nur der Aufhänger für eine persönliche Rahmengeschichte und umgekehrt. Dieses Schema wurde später auch von den etablierten Musikmagazinen übernommen und zeigt eigentlich worum es bei Musik geht: Dass sie einen ganz tief in der Seele berührt und nicht mehr loslässt, zum Soundtrack des eigenen Lebens wird, ja sogar zu einem Teil des eigenen Lebens.
Was für ein – Verzeihung - Arschloch müsste man nun sein die Musik irgendeines Künstlers einfach zu zerreißen, nur weil sie einem nicht gefällt? – Ein wirklich großes.
Musik sollte Geschichten erzählen. Musik sollte „echt“ sein. Das Genre ist dabei egal, wichtig ist überdies eigentlich nur eine „catchy“ Melodie, also eine Hookline, die in Erinnerung bleibt. Das Thema? Wenn es persönlich ist und authentisch, nur her damit. Aber ist der Text so wichtig? Was ist mit „Love me do“ von den Beatles? Muss man das so wichtig nehmen, kann‘s nicht auch mit nem Augenzwinkern sein?
Verbinden sich jedoch alle drei Kriterien, kann die Musik zu einem Alltime-Favourite werden. Anders gesagt: Auch wereher auf Jazz steht, kann dennoch Lieder mögen, die wie „Say Goodbye“ der Schweizer Band Gotthard einfach geschmackvoll und intelligent gemacht sind. Ein Tränenzieher wie er im Buche steht ist dieses Lied zwar, aber die wenigen Akkorde um eine einfache Kadenz sind so geschickt arrangiert, mit ihren offenen Voicings, und von einer unfassbaren Dynamik getragen, dass die Hooks darüber wirken wie eine Offenbarung.
 Ohad Benchetrit sucht sich harte Themen aus wie „The Assasination of Dow Jones“, einem zunächst sanften Solo-Gitarrenstück, das mit einem offenen C-Dur-Akkord beginnt, in den schräge, dissonante Töne einbrechen, was als eine Art Blues-Reminiszenz etwas Spannung aufbaut, bevor sich die Gitarre in die breitesten Stereowinkel ausbreitet und mit offenen harmonischen Rückungen, dynamischer Steigerung und interessanten Klängen der politische Mord ausgeführt wird. Das Lied erinnert dabei tatsächlich mit seiner zum Ende hin ungestüm aggressiven Stimmung, an Led Zeppelins Folk-Experimente aus „Led Zeppelin 3“. Eines der guten Stücke des Albums, dann nämlich, wenn Ohad die Gitarre in die Hand nimmt.
Ach ja, singen kann der gute nicht, zumindest tut er es nicht, und so muss auch „Hey Cancer… Fuck You!“ – ein ebenfalls nicht gerade leichtes Thema – ohne Gesang auskommen. Ist wohl auch besser so. Hier zeigt sich nun das andere Gesicht des Kanadiers: Ein Gitarrenakkord wird durch den Sample-Reißwolf gejagt. Beats darüber – Fehlanzeige. Das Ganze wirkt dermaßen unmusikalisch zerrissen, dass diejenigen, die „Heroin“ von Velvet Underground toll finden, wahrscheinlich einen intellektuellen Orgasmus bekommen, wenn sie sich über die „rohe Qualität“ und „die fabelhafte Bildsprache“ auslassen.
So sei es. In „A Thousand Days“ erlebt man die Synthese aus dem Gitarren- und Samplespieler. Sogar zum Klangteppich verwobene „Vocals“ („…Don’t be sad…“) tauchen auf. Jedes Jahrhundert gibt es sogar einen Snareschlag aus der Samplelibrary. Auch dieses Lied verdichtet sich zum Ende hin durch ein großes Arrangement an gesampleten Orchesterklängen aus Streichern und Bläsern. Dynamik ersetzt harmonischen Verlauf. Bei „44“ gibt‘s nochmals ein reines Orchestersample, während bei „Are you unloved“ die Gitarre dermaßen zerstückelt wird, dass es nun vollends klingt wie die hängende Platte.
„Don’t let the Blind go Deaf“ wirkt da fast wie programmatisch, indem es als zweiter, einigermaßen gelungener Sologitarrensong, den Hörer wieder zur Musik zurück führt und erlöst. Der Rest des Albums liegt irgendwo dazwischen. Einzig „The Major Lift“ zeigt als einziger Song wirklich Rhythmus, sodass man vermutet, Ohad muss den Umgang mit dem Drumsequenzer noch lernen. Allgemein wirkt das Album wie ein großes Experiment und kann/will auch nicht verschleiern, dass es in einem kleinen Amateurstudio entstanden ist, was zumindest einen schalen Nachgeschmack verursacht, aber dem Indiefan wohl das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Low-Fi in Reinkultur. Toll, dass Ohads Label „arts-crafts“ (u.a. Phoenix) solche Experimente ermöglicht.
Wer wäre man dieses Experiment nun zu zerrreisen?Schön, dass es möglich ist, so etwas auszuprobieren und zu veröffentlichen!
Sven Schuhmann
Bewertung: Highlights: The Assasination of Dow Jones, Don’t let the Blind go Deaf Lowlights: Are you unloved, Cancer… Fuck You
Tracklist: 1. Kids Toy Love Affair 2. Don't Let The Blind Go Deaf 3. Are You Unloved? 4. Hey Cancer... Fuck You! 5. Binary Blues 6. A Thousand Times A Day (Someone Is Flying) 7. The Assassination of Dow Jones 8. Lasantha Wickrematunge 9. September 5. October 21. 2007. 10. The Fall Of Winter 11. The Major Lift 12. 44
Weiteres Material: Offizielle Webseite: http://www.yearsmusic.ca Myspace: http://www.myspace.com/themusicofyears
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